Familiensiegel Sello

Familienstiftung
Hofgärtner Hermann Sello


Potsdam
Hermann Sello 1848 (Degas)

Startseite

Aktuelles

Die Hofgärtnerfamilien

Die Architekten

Lehrer und Freunde

Die Familienstiftung

Fontane über Sello externer Link

Kooperationen / Nützliches

Lebensbilder

Sello-Briefe

Impressum



Suche auf hofgaertner-sello.de:
MetaGer



Ein Brief aus Java


Louis Nietner an seine Eltern und Geschwister,

15. u. 16. Mai 1849

Ludwig Hermann Theodor (Louis) Nietner war der zweite Sohn des Hofgärtners Theodor I. Nietner und Bertha Sello, er wurde am 5. April 1825 in Paretz geboren. Wie seine beiden älteren Brüder Theodor II. und Johannes ist er vermutlich Gärtner geworden.
Ob Louis besonders abenteuerlustig war? Jedenfalls hielt es ihn nicht in Deutschland, nicht in Niederschönhausen, wo die Nietners seit Generationen Hofgärtner gewesen waren, nicht in Potsdam, wo die Sellos ebenfalls seit Generationen Hofgärtner waren.
Im Herbst 1848 brach Louis Nietner nach Java auf. Erst 7 Monate später erhalten Eltern und Geschwister in Niederschönhausen einen langen Brief von ihm. Sein jüngster Bruder Theodor Emil (Paul) fertigt sofort eine Abschrift an, die nach Sanssouci geht, an seine Tante Pauline Persius, damit auch die dortige Verwandtschaft, u.a. Louis Großmutter Dorothea Sello, unterrichtet ist. Nur diese Abschrift hat sich erhalten:

„Gembong, 15. Mai 1849

    Meine lieben Eltern und Geschwister!

Endlich, endlich ein Brief aus dem Auslande! Ich kann mir vorstellen, wie groß die Freude sein muss, wenn nun nach gewiss sieben Monaten ein Brief ankommt, wo die Adresse von meiner Hand geschrieben ist, aber zur Vorrede muss ich Euch nur gleich bemerken, dass ich diese Zeilen aus dem Lazarett schreibe, und sie auch nur schreibe, um Euch meine Lieben nicht länger in Ungewissheit zu lassen, denn meine Stimmung ist durchaus nicht eine solche, um gute Briefe zu schreiben, wie denn unter anderen Umständen, ein Bericht solcher Erlebnisse wohl Ansprüche auf großes Interesse müsste machen können. Doch zur Beruhigung für euch meine innig Geliebten, füge ich auch gleich hier bei, dass ich durchaus an keiner gefährlichen Krankheit hier im Lazarett bin, sondern nur Diarrhö und ungeheure Mattigkeit in den Gliedern, dass ich nicht fünfzig Schritt laufen kann, ohne mich setzen zu müssen, die Veranlassung dazu sind; der eine Arzt nennt es einen Akklimationsprozess, und der andere das Heimweh.“ […]

In dem langen Brief berichtet Louis zunächst über die Seereise. Nach einem mehrwöchigen Quarantäne-Aufenthalt im englischen Hafen Cheerneß sei sein Schiff mit dem Ziel Java am 17. Dezember 1848 ausgelaufen. Aus dem Brief geht hervor, dass er sich in einer ziemlich rauen Gesellschaft von Männern befindet, deren höchstes Vergnügen rohe Späße sind. Warum Louis Nietner sich unter die Soldaten begeben hat, wissen wir nicht. Java, eine der vier Sunda-Inseln, gehört heute zur Republik Indonesien. Der Name „Batavia“ stammt von den Holländern, die die Stadt (heute Jakarta) zum Zentrum ihres Kolonialreiches in Asien machten. Schon zu Zeiten der Niederländischen Ost-Indien-Kompagnie (VOC, bis 1798) bildeten Deutsche aus allen Teilen des Reiches das Hauptkontingent der Söldner, die in den holländischen Kolonien Dienst taten. Reise- und Abenteuerlust, Neugier auf die fremden Länder, Träume von reichem Gewinn lockten die Männer. Die Niederländer hatte nach wie vor großen Bedarf an Söldnern, um Ruhe und Ordnung aufrecht zu erhalten. Erst Ende der 30er Jahre hatte es in Java einen großen Aufstand gegeben. Der Gärtnersohn ist – wie viele andere Zeitgenossen – fasziniert von der tropischen Natur. Am 3. April 1849 kam er schließlich in Batavia (heute Jakarta) an. Louis schreibt:

„… So unter allerhand kleinen Abwechslungen kamen wir dann endlich Ende März in die Sundastraße, von dem Wundervollen dieses Anblicks könnt Ihr Euch aber keine Vorstellung machen. Am Eingang der Straße, zwischen Sumatra und Java liegt erst die Prinzeninsel, an ihr segelten wir hart vorbei – diese Berge mit Palmen bis in die Gipfel bewaldet, wo dann die silbernen Wolken darüber hinziehen, und am Ufer dies undurchdringbare Gebüsch von Bambus, Pisang, Kanna und Gott weiß, was da alles durcheinander wächst. Die verschiedensten Arten von Papageien flogen gegen das Schiff heran, kehrten aber bald in die schattigen Wälder zurück. Von Bewohnern oder nur bebautem Land war keine Spur zu entdecken, überhaupt an der ganzen Ostküste von Java nicht längs der wir von nun an hinfuhren; alles im wilden herrlichen Naturzustande.
So fuhren wir vier Tage lang die Sundastraße aufwärts, bei dem herrlichsten Wetter, morgens stieg die Sonne mager über den Palmen des bergischen Javas und abends ging sie über Sumatras Westküste schlafen. Erst als wir die N. 0. Spitze von Java umsegelt hatten, zeigten sich Spuren von Anbau, Reis und Indigofelder.
Am 3. April ließen wir die Anker auf der Reede von Batavia fallen. Mit welchem Jubel, mit welcher Freude alle das lang ersehnte Land, nach so vielen Leiden begrüßten, könnt Ihr Euch wohl vorstellen. Am folgenden Tage wurden wir ausgeschifft und nahmen sogleich unseren Marsch nach Wettefreden, einen Ort, der sich zu Batavia, wie etwa Schoenhausen zu Berlin verhält, alles voll Sommerwohnungen, wohin des Abends die Reichen Batavias fahren, den ungesunden Ausdünstungen der sumpfigen Küste zu entgehen. In Wettefreden erhielten wir sechs Tage Ruhe, in denen ich mich dann ordentlich in der Umgegend umsah.
Die Gegend ist hier sehr flach und wenig bebaut. Wir wurden inzwischen zu den verschiedensten Abteilungen verteilt und ich hatte dann das Los, nach KadongKebne zu marschieren, zehn Tagemärsche von Batavia. Dieser Marsch war nun ganz etwas für mich; des morgens in aller Frühe brachen wir immer auf, so dass wir gegen 8.oo Uhr schon wieder auf der nächsten Station waren, denn drei Meilen ist hier nur ein Marschtag, so kam ich dann ganz gemächlich durch die reizendsten Gegenden, über die köstlichsten Gebirge mit meinen Mannschaften an.
An Käfern dachte ich aber viel mehr zu finden; meistens sind es Chrysomelinen, die ich gefangen, doch glaubte ich wohl, dass seltene genug darunter sein werden; denn ich habe mit Kennerblick alle Winkel durchgestöbert. Bupresten und Elater habe ich noch keinen einzigen gefangen, Caraben nur einzelne. Die große vierfüßige Welt ist dagegen hier desto besser vertreten, Tiger, Elefanten, Kanabauen (eine Art Büffel), Affen, große und kleine Pfauen, Schlangen etc. sind in den Gebirgen nichts Neues.
Von Kadong-Kebne musste ich noch drei Tagereisen weiter auf das reizend gelegene Fort Gembong. In einem Marsch von etwa vierzig Meilen habe ich also nun wieder Java fast ganz von N. nach S. durchwandert, denn ich bin nur sechs Meilen noch von dem auf der Südküste gelegenen Häfen Dschillidschab entfernt.
Was mich nun betrifft, so bin ich, abgesehen von meinem jetzt höchst unangenehmen Zustand, immer gesund gewesen und begreife nicht, wie man in so wenigen Tagen, so ungeheuer schwach werden kann. Man hat mir heute 24 Blutegel auf den Unterleib gesetzt. Die Aussichten Offizier zu werden, sind nicht ungünstig, übrigens aber gefällt es mir hier (die Natur abgerechnet), so entsetzlich schlecht, dass ich jedenfalls die erste Gelegenheit mit Ehre heimzukehren, ergreifen werde.“

Hiermit schließt der Brief. Vom weiteren Schicksal des Louis Nietner ist nichts bekannt. Vermutlich ist er der Krankheit erlegen.


SE. 16.08.2008

Literatur:

  • Familienpapiere
  • www.kriegsreisen.de/imperialismus vom 12.2007
  • www.wikipedia.de/java vom 12.2007
  • Genealogische Angaben betr. Louis Nietner: KB Paretz, Krafft A. Eggert und M. Rohde, Recherche 2007
  • Eine aktuelle Recherche hat ergeben, das Louis Nietner wie vermutet als Angehöriger der holländischen Kolonialtruppen nach Ostasien gereist ist. Er starb am 03.08.1849 in Keboemen, Java, Niederländisch Indien. – Information aus: http://geneaknowhow.net/regel/nederlanden.htm (Copyright 1997-2008 Hermann de Wit, Maarssen the nederlands.) Recherche Krafft A. Eggert 01.2008

letzte Änderung 1.06.2009 22:02 CEST
durch sello-webteam